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Es muss auch ohne zehn Boxen gehen

Es muss auch ohne zehn Boxen gehen

Thomas Langheinrich

Präsident der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg

Das Interview führte Frau Petra Otte, Stuttgarter Nachrichten

 

Herr Langheinrich, Verbraucherschützer sehen in der Gebühr für Satelliten-TV den Anfang vom Ende des freien Privatfernsehens. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

Bei der öffentlichen Darstellung der Verschlüsselungspläne für Satelliten-TV wurden sicher Fehler gemacht. Jetzt herrscht bei den Zuschauern große Verwirrung, und sie verbinden die Digitalisierung des Fernsehens zusehends mit dem Begriff Gebühren. Das ist ein großes Hemmnis für eine an sich positive Entwicklung.

 

Ganz falsch liegen die Zuschauer nicht. Auch Kabel Deutschland verlangt Gebühren für den digitalen Fernsehempfang.

Das gilt für die meisten Bundesländer. Kabel Baden-Württemberg verzichtet bislang auf Gebühren, der Umstieg auf Digital- TV ist bis auf die neue Kabel-Box kostenlos. Ob das so bleibt, kann niemand voraussagen. Jeder Kabel-TV-Nutzer zahlt aber heute eine monatliche Gebühr für die Programm-Bereitstellung, die es beim Satellitenempfang bisher nicht gibt. Insofern werden dieÜbertragungswege künftig vergleichbarer. Dass die Verbraucher über die Gebühr nicht begeistert sind, zumal sie über ihre Schüssel nicht mehr Sender sehen als bisher, ist klar. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass die Digitalisierung die Voraussetzung für neue Geschäftsmodelle schafft. Gebühren werden bei zurückgehenden Werbeeinnahmen als zusätzliche Einnahmeqeuelle betrachtet.

 

Der Trend geht zum Pay TV. Sinkt damit nicht die Qualität des freien Fernsehens?

Free TV im Satellit, wie wir es gewohnt sind, kann in Zukunft wohl nicht mehr garantiert werden. Wichtig ist aber doch, dass Zuschauer Auswahl haben. Diese Vielfalt sichert Digitalisierung: Sie bietet die Chance zur individuellen A-la-carte-Bestellung. Je spezieller das Programm, umso eher kann es etwas kosten. Es kann aber nicht sein, dass Verbraucher zu Hause zehn verschiedene Empfangsboxen stapeln und ratlos vor den Suchläufen stehen. Es muss zertifizierte Boxen geben, die nicht nur einer Plattform gehören, sondern auch andere Verschlüsselungen verarbeiten können.

 

Kritiker des Bezahlfernsehens fürchten, dass auch ARD und ZDF irgendwann nur noch verschlüsselt zu sehen sein werden.

Für den Empfang der öffentlich-rechtlichen Sender zahlen die Zuschauer GEZ-Gebühren, zusätzlich darf ihnen dafür nichts berechnet werden. Es ist aber denkbar, Sender zu verschlüsseln, ohne dass Mehrkosten für die Verbraucher anfallen. In Österreich wird das praktiziert, wer seine GEZ-Gebühr bezahlt hat, bekommt das ORF-Programmfreigeschaltet. Aufwändige Kontrollen wie bei uns sind damit überflüssig.

 

Privatsender wollen Programme eventuell auch beim Digitalempfang per Antenne (DVB-T) verschlüsseln. Im Land sind die privaten bisher bei DVB-T außen vor. Haben Sie noch Interesse an deren Teilnahme?

Wir sind mit den privaten Sendern nach wie vor in Gesprächen über zukunftsträchtige Lösungen bei DVB-T, aber auch beim Handyfernsehen DVB-H. Über den gerade eingeführten digitalen terrestrischen Antennenempfang können Programme aber auf absehbare Zeit nur unverschlüsselt angeboten werden. Das müssen die Privaten akzeptieren. Im Gegenzug könnten sie beim Handy-TV wieder Gebühr verlangen.

 

 

Quelle: Stuttgarter Nachrichten; veröffentlicht am 09.08.2006