Journalistische Grundsätze

Jeder kann heutzutage Inhalte über soziale Medien an ein potentielles Millionenpublikum richten. Das Video des Influencers Rezo, „Zerstörung der CDU“, wurde innerhalb einer Woche – ausgerechnet der Woche vor der Bundestagswahl – über 3,7 Millionen Mal aufgerufen. Das zeigt die große Meinungsmacht, die soziale Medien und ihre Nutzerinnen und Nutzer haben. Brauchen Sie daher auch eine größere Kontrolle?

Interview mit zwei Personen

Anders als bei sozialen Medien, wo sich jeder äußern kann, werden die Inhalte, die im Radio oder Fernsehen zu sehen sind, von Journalistinnen und Journalisten hergestellt. Tagtäglich entscheiden sie dabei, wie und über welche Inhalte sie berichten – und damit auch, welchen Themen wir Beachtung schenken und wie wir über diese Themen denken.

Um der Verantwortung, die mit dieser Meinungsmacht einhergeht, besser gerecht werden zu können, unterliegen Radio und Fernsehen bereits seit langem klaren gesetzlichen Vorgaben, etwa durch die Rundfunkstaatsverträge und Landesmediengesetze. Für Zeitungen und Zeitschriften ist dies ähnlich. Zu den dort geregelten journalistischen Grundsätzen gehören etwa die Trennung von Redaktion und Werbung, die sorgfältige Recherche oder die Kenntlichmachung von Behauptungen, die sich nicht haben belegen lassen.

Wie das Beispiel von Rezo zeigt, haben mittlerweile auch andere Medien einen ähnlichen Einfluss darauf, was wir über bestimmte Dinge denken. Dies belegt auch der von den Landesmedienanstalten herausgegebene Medienvielfaltsmonitor. Dort werden seit Jahren die Anteile der Medienangebote am Meinungsmarkt der Medien in Deutschland erhoben.

Demnach ist das Internet im Jahr 2020 subjektiv bereits das wichtigste Informationsmedium, gefolgt vom Fernsehen. Tageszeitung, Radio und Zeitschriften folgen mit großem Abstand.

Meinungsbildungsgewicht der Medien

Schaubild zum Meinungsbildungsgewicht der Medien
Angaben in Prozent; fehlende zu 100% = weiß nicht; *) Zeitschriften, Nachrichtenmagazine, Wochenzeitungen. Frage: Wenn Sie sich über das Zeitgeschehen in Deutschland und aller Welt informieren wollen. Welches Medium ist Ihnen da am wichtigsten? Quelle: Mediengewichtungsstudie 2020-I der Landesmedienanstalten, S. 23, Kantar; Basis: 70,598 Mio. Personen ab 14 Jahre in Deutschland, n=4.294

In den letzten fünf Jahren ist das Gewicht der Online-Medien stetig gestiegen. Fernsehen und Tageszeitungen verlieren hingegen kontnuierlich. Auch Radio ist aktuell etwas weniger relevant als zuletzt.

Meinungsbildungsgewicht der Medien im Trend

Grafik Meinungsbildungsgewicht der Medien im Trend
Angaben in Prozent; *) Zeitschriften, Nachrichtenmagazine, Wochenzeitungen. Quelle: Mediengewichtungsstudie 2020-I der Landesmedienanstalten, S. 30, Kantar; Basis: 70,598 Mio. Personen ab 14 Jahre in Deutschland, n=4.294

Betrachtet man das Meinungsbildungsgewicht aufgeschlüsselt nach Altersgruppen wird klar: Fernsehen und Tageszeitungen können heute (noch) vor allem bei der älteren Generation der über 50-Jährigen punkten. Für die junge Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen ist das Internet bereits die klare Nummer 1 als Informationsmedium.

Meinungsbildungsgewicht der Medien nach Altersgruppen

Grafik Meinungsbildungsgewicht nach Altersgruppen
Angaben in Prozent; grün: + > 1 Prozentpunkt; rot: - > 1 Prozentpunkt im Vergleich zu 2019-II; *) Zeitschriften, Nachrichtenmagazine, Wochenzeitungen. Quelle: Mediengewichtungsstudie 2020-I der Landesmedienanstalten, S. 25, Kantar; Basis: 70,598 Mio. Personen ab 14 Jahre in Deutschland, n=4.294

Ein wichtiges Anliegen der Landesmedienanstalten und der LFK ist es, dass sich die veränderte Mediennutzung und sich verlagernde Meinungsmacht auch in der Regulierungspraxis aufgreifen zu können. Hierfür braucht es eine zeitgemäße gesetzliche Grundlage.

Mit dem neuen Medienstaatsvertrag werden die Vorgaben der journalistischen Sorgfaltspflichten, die bereits für die „Online-Presse“ gelten, auch auf bestimmte andere Telemedien mit publizistischer Relevanz erstreckt. Damit wir einen sichereren Rahmen haben für eine offene Debattenkultur. Denn wir wünschen uns mehr offene, kritische Worte.

Genauso wichtig ist es aber, dass wir alle unterscheiden können, ob wir es mit Fakten zu tun haben oder nicht – und wer hinter diesen Angeboten steht. Daher müssen alle journalistisch-redaktionellen Telemedien ausdrücklich benennen, wer für das Angebot inhaltlich verantwortlich ist, und Telemedien in sozialen Netzwerken sind verpflichtet, darüber zu informieren, wenn sie sogenannte „Social Bots“ einsetzen. Diese sind technisch oft so ausgereift, dass sie sich kaum mehr von „echten“ Chat-Kontakten unterscheiden lassen. Daher können sie leicht unsere Meinung beeinflussen – denn je öfter wir bestimmte Meinungen, etwa über ein Produkt oder über einzelne Personen, etwa im Vorfeld von Wahlen, hören, desto glaubhafter wirken sie auf uns. Ergänzt werden die Pflichten für Telemedien mit journalistisch-redaktionellem Inhalt daher auch von einem Gegendarstellungsrecht für Personen oder Stellen, die durch eine in dem Angebot aufgestellte Tatsachenbehauptung betroffen sind.

 

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Eva-Maria Sommer
Landesanstalt für Kommunikation
Pressesprecherin, Leiterin Stabsstelle für Strategie und Kommunikation
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